Nachts sehe ich hier am meisten. Dafür fehlen tagsüber die reizvollen Erlebnisse, wie sie ein Großstadtleben bietet. Deshalb drängt sich immer mehr der Wunsch nach außergewöhnlichen Erfahrungen auf. Auch die Zeiten haben sich aufgelöst. Ich kann nichts sagen, über das was ich gestern gedacht habe, weil es sehr merkwürdig klingt. Aber ich versuche es im zukunftsorientierten Präsens (mit Zeitangabe: gestern), wenn es so etwas gibt:
Ich werd jetzt Science-Fiction-Gedichte schreiben um telepathisch mit Männern zu flirten. Dabei bin ich weniger überzeugt davon, herauszufinden, was Science-Fiction-Gedichte überhaupt sind, als von der Möglichkeit der Telepathie. Und vor allem wäre es doch einfach viel cooler.
Unter Science-Fiction-Gedichten stelle ich mir sowas vor wie die drei unten zitierten Zeilen von Huchel (die er übrigens nie veröffentlicht hat, sondern glaube ich nur auf einen Bierdeckel notiert hatte). Ich finde sie voll Science-Fiction, weil Science-Fiction meiner Meinung nach ein völlig freier Möglichkeitsbegriff ist. Alle anderen scheinbar klärenderen Begriffe sind nur verzerrt durch die bisher realisierten Varianten, in denen erstaunlich viel kopiert wurde – überall ist Science-Fiction materialisiert in riesigen kriegerischen Raumschiffen.
Bei Huchel dagegen gibts nur das “ferne All”, das vom archaischen “Hirt(en)” auch schon durch die verschiedenen Zeiteinheiten getrennt ist, die in den jeweiligen Sphären Erde (Hirt) und All wirken. Die gesamte Lichtgeschwindigkeitsdebatte ist im einfachen und hier sehr landschaftlich rüberkommenden Verb “weht” kondensiert. Das ist eine poetisch konzentrierte und gleichzeitig sehr ehrliche Art Science-Fiction-Gedichte zu schreiben. Huchel bleibt in seinem mecklenburger oder brandenburger Garten und denkt sich zurück (wieder der Hirt) und vor in die zukunftsverkörpernde superschnell wehende Zeitbewegung des Alls. Der Dichter Huchel selbst bleibt stehen. Beziehungsweise, er blieb stehen, denn dieser Moment ist lange vergangen.